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KT / 5, “Mama ist gegangen” von Christian Hein, Taschenbuch, 146 S., 5,90 Euro, einfühlsamer und heiterer Roman über drei Geschwister, deren Mutter gestorben ist, für beide Geschlechter ca. 91 bis 12 Jahre In diesem mehrfach ausgezeichneten Roman lernen wir eine unkonventionelle
Familie kennen : Ulla ist die Jüngste, ihre Brüder Paul und Karel sind zwei und fünf Jahre älter als sie, der Papa ist Bildhauer, die Mama Regisseurin von Dokumentarfilmen und Strolch ist ein Terrier von Adel. Die beiden Brüder
sind ungewöhnlich gescheit, der eine trocken wissenschaftlich und der andere ungeheuer phantasievoll und tragen so zur ständigen Unterhaltung bei, der Vater ist meist mit seinen Skulpturen im Garten beschäftigt und die Mutter lacht
so viel, daß ihr sogar ein Professor in einem Buch über das Lachen einen Dank ausgesprochen hat. Ulla liebt alle, aber ihre Mama am meisten. In Ullas zehntem Lebensjahr kann ihre Mama plötzlich nicht mehr aufstehen und kommt ins
Krankenhaus. Nach einer Woche sagt der Vater zu den Kindern, daß er Mama nach Hause holen wird. Aber er sagt ihnen auch, daß Mama nicht gesund ist und auch nicht mehr werden wird. Mama lacht zwar, als sie ihre Kinder aus dem Auto
sieht, ist aber zu schwach, um selbst aussteigen zu können. Danach liegt Mama in ihrem Bett und darf nur zwei Mal täglich kurz von den Kindern besucht werden, da sie alles zu sehr anstrengt, sie kann nur wenig sprechen, schläft
fast die ganze Zeit und essen kann sie so gut wie nichts mehr. Da kann keine Medizin und kein Arzt helfen. Als Mama ihr Ende nahen spürt sagt sie Ulla, daß sie den drei Männern helfen werden muß, wenn sie selbst nicht mehr da ist
und „Ich bin sehr glücklich, daß ich dich kennen lernen durfte.“ Nach Mamas Tod will der Vater nicht, daß die Kinder den Körper noch einmal sehen, denn er meint, es sei nicht mehr Mama, die dort liegt und die Kinder sollten sie
lebendig in Erinnerung behalten. Es hat sich alles geändert. Die fröhliche Mama fehlt an allen Ecken und Enden, die Lücke ist riesengroß. Keine Entscheidungen, zu denen man sie fragen kann, leider kein gutes Essen mehr, ( was
Papa kocht ist ungenießbar ), und vorgelesen hat die Mama auch viel besser als der Papa. Natürlich unterstützen sie sich gegenseitig, wenn sie traurig sind, Ulla ist aber wohl die einzige, die sagt :“Ich will nicht, daß Mama weg
ist.“ Die drei Älteren wollen das auch nicht, haben die Situation aber angenommen. Paul sagt zu seiner kleinen Schwester, daß sie sich einfach vorstellen müsse, was Mama gesagt hätte, dann kann sie Entscheidungen auch alleine
treffen. „Mama ist einfach vorausgegangen und wir werden...ihr hinterher gehen.“ Was besonders die Buben sehr nervt ist die Umgebung, die anscheinend über gar nichts anderes mehr sprechen kann, als über Mamas Tod und das
Mitleid, das die Menschen über sie ergießen. Paul beschwert sich, daß er wohl bald eine kahle Stelle am Hinterkopf bekommen würde, wenn ihm die Leute weiter so den Kopf tätscheln. Ulla meint auch, daß alle einen immer so anschauen,
als ob sie gleich weinen wollten und daß sie nicht immerfort über Mama reden will. Auch die Trauerminen der Menschen, die inzwischen für sie kochen wollen sie nicht mehr, sie wollen unter sich sein, Papa muß einfach besser kochen
lernen und die Kinder werden ihm dabei helfen, schließlich haben sie Mama immer dabei zugesehen. Als Papa Mamas Kleider weggeben will sträubt sich Ulla sehr dagegen, trotzdem kommt ein Mann, der fast alle mitnimmt, drei rettet
Ulla. Papa schenkt ihr abends den Schmuck von Mama, aber die Perlenkette, die Ulla immer so an ihrer Mama bewundert hatte möchte sie gar nicht anlegen. Auf dem Friedhof sagt Papa, daß ein Grab nur ein Symbol, ein Zeichen sei,
daß sie meinen, Mama dort nahe zu sein. Das sei zwar nicht logisch, aber ihm gebe der Ort Kraft, er habe könne leichter, ruhiger und sicherer arbeiten, wenn er zuvor am Grab gewesen sei. Karel geht es nirgends besser, aber Paul
geht es wie Papa, wenn er nur am Mama denkt. Es kommen immer wieder Menschen zu Besuch, auch eine Frau Keil, die mit Papa studiert hat, seitdem aber keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Nach den gemeinsamen Abendessen sitzen die
beiden noch lange und nach dem dritten Besuch ist das einzige weibliche Wesen im Haus, Ulla besorgt. Sie bespricht es mit ihren Brüdern und sie kommen auf eine typische Kinderreaktion : Als Frau Keil das vierte Mal kommt schweigen
die Kinder. Keine Begrüßung, Antwort auf jede noch so freundliche Frage und Frau Keil beginnt zu verstehen und ward seitdem nicht mehr gesehen. Als Papa mit den Kindern am nächsten Tag darüber spricht wird klar, daß er nichts von
alledem gemerkt hat, er meint aber auch, sie müsse keine Angst vor einer „neuen Mutter“ haben, weil sie doch immer alles zusammen in der Familie besprechen. Hoher Besuch ist angekündigt : der Bischof will kommen, vor dessen
Kirche die große Pieta stehen soll, an der Papa seit Monaten arbeitet. Ohne Limousine, Gefolge oder bischöfliches Gewand kommt der Würdenträger im Anzug und steigt aus seinem Sportwagen, läßt sich lieber Herr Kleemann nennen und
ist so ganz anders, als alle Vorstellungen von ihm. Er sieht sich Mutter Maria mit ihrem toten Sohn in den Armen von allen Seiten an und man kommt überein, daß er über Nacht bleibt, damit er sich die Statue auch im Abend – und
Morgenlicht ansehen kann. Den Kindern erzählt er, daß ihn der Tod seiner Mutter, als er 22 Jahre alt war so geschmerzt hat wie nichts zuvor und er sie heute noch oft vermißt. Und er sagt : „Aber ihr seid unglücklich, weil ihr
vorher so glücklich wart.“ Und den Kindern wird in ihrem Kummer klar, welches Glück es war, eine solche Mama gehabt zu haben. Wie sie den ersten Urlaub ohne Mama verbringen, warum Papa plötzlich Tochter- Zuwachs bekommt, wie die
Ablieferung der Pieta verläuft und wer vielleicht schon bald in Mamas Zimmer zieht wird in den folgenden Seiten erzählt. Die Kinder in diesem Roman erleben ein Schicksal, das in unserem heutigen Leben nicht an der Tagesordnung
ist. Eine solche Lücke kann nur unzureichend nachvollzogen werden, und in einer solchen Lebenssituation ist es ein großer Trost, wenn ein Kind Geschwister hat, mit denen es sein Leid ein bißchen teilen kann und daß der Vater sein
Bestes für die Kinder gibt. Manche Angelegenheiten kann man sicherlich kontrovers sehen, ob die Kinder den Leichnam doch sehen sollten, ob es „dumm“ ist, wie Paul behauptet, „zu heulen“, statt Dinge zu tun, die Mama freuen.
Jeder Mensch verarbeitet die Geschehnisse im Leben anders, und wir erleben es in diesem Buch auch so, wenn wir auch das Meiste aus Ullas Sicht lesen. Manche Menschen glauben, es ihrer Zuneigung zu dem Verstorbenen schuldig zu
sein, sich in ihrer Trauer zu vergraben, hier lesen wir, daß Mama möchte, daß sie Dinge mit Freude tun, weil auch sie kein Trauerkloß war. „Im Garten der Zeit wächst die Blume des Trostes“ ist ein Spruch, den man auf
Trauerkarten finden kann und bis zum Ende des Buches ist immer weniger von der frischen, emotionalen Trauer zu spüren, die anfangs noch so aufgewühlt hat. Daß die Mutter und Frau sie mit ihrer Liebe begleitet und erwarten wird ist
ein tröstlicher Gedanke für alle und sie leben in der Gewißheit, daß es ihr gut geht und auf sie wartet.
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