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II / 9c, “Du gehörst mir allein” von Patricia Mennen, 250 S., Taschenbuch, 9,95 Euro, Roman über eine Stalkerin, für beide Geschlechter ab 14 Jahren, auch für Lesemuffel

Im Prolog erwacht Carolin im Krankenhaus das zweite Mal und fühlt keine Atemmaske mehr, ebenso sind die Geräusche von Maschinen verschwunden, sie liegt in einem freundlichen Raum und erinnert sich nicht mehr, warum sie hier ist. Als sie ein Schluchzen hört - sein Weinen - kommen Erinnerungen zurück und sie weiß, daß alles gut wird, denn Patrick ist bei ihr und läßt sie wieder die große Liebe spüren, die sie füreinander empfinden.

Rückblick: An die Schule von Carolin kommt ein neuer Lehramtspraktikant, Patrick Melkert, ein junger, sehr gut aussehender Mann, der ohne Zutun sofort die Herzen der Mädchen erobert. Nur nicht das von Carolin, denn dieser Schnösel wird auch die Theatergruppe von Frau Goldberg übernehmen, eine Herzblutangelegenheit von Carolin. Als sich Patrick vorstellt fährt ihn Carolin sehr aggressiv an, er jedoch bleibt freundlich und freut sich sogar über ihren kritischen Geist, der die Arbeit belebe. Daß er in New York am renommierten Strasberg Institut einen Abschluß gemacht hat versöhnt sie dann etwas. Das Theater ist Carolins Leben, sie kann sich in ihren Rollen völlig vergessen und findet im Spielen vollkommene Erfüllung. Ihr Zorn flackert jedoch wieder auf, als dieser Melkert die Zusammenkunft der Interessierten in der Turnhalle macht und nicht nur im üblichen Insider Rahmen, sondern dazu Hinz und Kunz eingeladen hat ! Und er wirft auch noch das Programm um ! Wo sie sich doch bereits auf ihre Hauptrolle der „Johann der Schlachthöfe“ von Brecht vorbereitet hat möchte er plötzlich „Romeo und Julia“ spielen ! Als er zur Demonstration für den Shakespeare einen längeren Monolog des Romeo spricht schmilzt Carolin dahin, sie erwidert völlig unbewußt die Antwort Julias und lernt für das Vorsprechen ohne den geringsten Zweifel, daß sie die Hauptrolle bekommen wird, vor Meike, die bis vor einem Jahr, als Carolin an die Schule kam der Star beim Theater war. Großmütig überläßt Carolin allen anderen die vorderen Plätze und schon bei Meike ist Patrick sehr angetan und tuschelt mit Frau Goldberg, als Carolin jedoch als Letzte ihren Auftritt hat ist Patrick so begeistert, daß er sogar auf die Bühne springt und die Rolle Romeos übernimmt. Also wird sie die Julia, der enttäuschten Meike bleibt nur die Rolle der Mutter.

Auch Sinah kommt zu Wort, die Freundin Carolins, die von Carolins rücksichtsvollem und selbstbewußtem Auftreten sehr beeindruckt ist, wenn sie auch Manches, wie die anfängliche Ablehnung des hübschen und freundlichen Patrick nicht verstehen kann. Über Carolin erfahren wir, daß sie mit ihrem Vater alleine lebt. Auf einem Tischchen in ihrem Zimmer hat Carolin einige Dinge wie einen kleinen Altar zusammen gestellt, darunter das Tagebuch ihrer Mutter, die letzte Seite aufgeschlagen; einer der letzten Sätze ist „Die Perfektion und Gleichgültigkeit deines Vaters hat mich erdrückt. Eines Tages wirst du verstehen, warum ich gegangen bin.“ Die weiteren Zeilen darunter sind überklebt. Carolin kennt ihren Vater genau : er ist zwar ein anerkannter Fotograf, im Privatleben aber eine gescheiterte Existenz, seit Carolins Mutter vor einigen Jahren gegangen ist zieht er ständig mit seiner Tochter in eine andere Stadt, wenn seine Beziehungen nicht so laufen, wie er sich das so vorstellt und das ist immer schon nach kurzer Zeit. Sie kann mit ihm nicht reden, er ist so egozentrisch und zeigt keine echten Gefühle, so daß Carolin sich auf sich selbst gestellt sieht. Und daraus hilft ihr die Beschäftigung mit dem Theater – sie kann längere Passagen aus Stücken auswendig deklamieren - und auch das Fotografieren, ihr „magisches Auge, durch das sie die Welt ohne Vorbehalte beobachten“ kann, laut Sinah eine geradezu manische Angewohnheit.

Als die Proben voranschreiten bemerkt Sinah deutliche Veränderungen bei Carolin und später auch bei Patrick. Warum die zurückhaltende und vernünftige Carolin förmlich aufblüht weiß Sinah, der sich Carolin anvertraut : sie und Patrick sind ein sehr leidenschaftliches Paar, was natürlich geheim gehalten werden muß, da dies zwischen Lehrer und Schülern verboten ist. Dagegen wird Patrick immer nervöser und unberechenbarer; einmal sehen ihn die Schüler auf dem Parkplatz fassungslos vor seinem geliebten Mini : das weiße Dach eingebeult, die Seitenspiegel abgeknickt und überall mit schwarzem Edding geschrieben „Du gehörst mir allein“; als er die Tür aufmacht ist seine Hand voller Hundekot... 

Auch Patrick kommt zu Wort, in einem e-mail Wechsel, den er mit John, seinem Freund aus der Schauspielschule führt. Carolin führt er als großes Talent in seiner Theatergruppe an und sie gefällt ihm auch, aber der Schwarm aller Mädchen, der sich von der Anhänglichkeit seiner Ex- Freundin genervt fühlt und sich der Avancen seiner Mentorin erwehren muß hat sich in Meike verliebt, ein Mädchen mit einer „ganz besonderen Aura“. Er ist ganz bezaubert von ihr und versucht  wegen des Lehrer – Schüler Tabus zuerst dagegen anzukämpfen, gibt aber schon bald auf. Es spinnt sich eine zarte und heimliche Beziehung an, die ihn sehr glücklich macht, weil Meike für ihn etwas ganz Besonderes ist. Seltsamerweise bekommt er seit einiger Zeit SMS’s und e-mails, in der ihn jemand als „Liebster“ bezeichnet und wie sich heraus stellt auch ständig beobachtet. Immer wieder und zu den ungewöhnlichsten Zeiten liegen rote Rosen vor seiner Wohnungstür und sogar in der Wohnung war jemand, er sieht es an Kleinigkeiten und ganz deutlich in seinem Kleiderschrank, dessen Inhalt feinsäuberlichst aufgeräumt ist. Als auch das wiederholte Ändern von e-mail Adresse und Handynummern keine Ruhe vor der Verfolgung bringt und sogar Meike in den Psychoterror mit einbezogen wird verfällt Patrick zeitweise regelrecht in Panik. Nachdem er schon länger seine Verflossene und seine Kollegin Goldberg verdächtigt kommt es zu unkontrollierten Auftritten seinerseits, bevor der Direktor ihm mit einer Versetzung aus seiner Misere hilft.

Dann ändert sich alles für ihn. Und für Meike. Die nämlich hat einen Unfall, der sie in ein Koma befördert, aus dem sie vielleicht nie wieder erwachen wird...

Durch die verschiedenen Perspektiven und weil die Passagen über Carolin zwar in der dritten Person, aber immer aus ihrer Sicht geschrieben sind wird der Verdacht des Lesers erst gegen Ende des Romans bestätigt : eine der Hauptpersonen ist hochgradig psychisch gestört. Als zu Anfang von einer Porzellanpuppe in Carolins Sammelsurium die Rede ist, die einige Verletzungen aufweist kann es einem schon mulmig werden und als Sinah am Ende die Puppe in ihrem fortgeschrittenen Zustand findet gibt es keinen Zweifel mehr an Carolins Absichten. Sinah löst auch den Klebestreifen über den Zeilen vom Tagebuch Carolins Mutter und liest die letzten Sätze einer Mutter an ihr halbwüchsiges Kind :“Sei nicht traurig, Carolin. Ich bin sicher, daß du ohne Schwierigkeiten über meine Abreise hinwegkommen wirst...Ich habe dich sehr gern, aber bitte versuche nicht, mich zu finden. Du würdest mich beim Aufbau meines neuen Lebens nur stören...“ Sinah fröstelt über die Gefühllosigkeit dieser Mutter und nun versteht man auch, warum Carolin diese Worte nicht lesen wollte. Vielleicht ist der Vater gar nicht so übel, wie Carolin es darstellt, aber mit der Psyche eines auf sich selbst gestellten Kindes benötigt sie natürlich einen Sündenbock. Ihre Mutter, die von Gleichgültigkeit schreibt und gleichzeitig ihr einziges Kind so abspeist scheint Carolin nicht so wahrnehmen zu wollen, wie sie wirklich ist, dann würde ihr Selbstwert des verlassenen, unwichtigen Kindes noch mehr sinken. Durch das Abblocken ihrer Gefühle und eine fehlende Sozialisation flüchtet sie sich in Wahnvorstellungen und plant mit absoluter Kaltblütigkeit das Verderben Meikes, die ihr im Weg steht, eine erschütternde, wenn auch nicht zwingende Folge ihrer Ersatzwelten, in der sie die Begehrte ist. In der Realität sieht sie aber sehr wohl die wahren Gefühle zwischen Patrick und Meike als Bedrohung, Carolin weiß nichts über das Wesen der Liebe, die es hinnehmen würde, daß Patrick eine andere als sie gewählt hat.

Patrick, der erfolgsverwöhnte, selbstgefällige junge Bursche ist begeistert von Carolins Talent und vermittelt dem nach Aufmerksamkeit heischenden Mädchen Signale, die diese in ihrer Traumwelt falsch versteht. Natürlich denkt ein junger Mann, der sein Leben unbeschwert genießen will nicht daran, daß er mit einer Psychopatin konfrontiert wird. Da er auf Meike nicht bis nach seinem drei monatigen Praktikum warten kann, in der sie ganz legal und offen ihre Beziehung leben könnten kommt er in die vertrackte Situation, daß er sich nicht der Polizei anvertrauen kann und somit recht hilflos ist.

Daß sich der Tatbestand „Stalken“ mittlerweile auch im deutschen Strafrecht findet deutet auf eine recht traurige Entwicklung unserer zunehmend anonymen, menschliche Beziehungen übergehenden Umwelt hin, denn die Sehnsucht nach Liebe bleibt bestehen und nimmt Formen an, die in der heutigen Medienwelt und Infrastruktur leichter überhand nehmen können, als in früheren Zeiten.

 

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