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Als ich 18 Jahre alt war hatte ich einen Freund, für den Erziehung kein Thema war, er würde seine Kinder heranwachsen lassen. Nachdem seine beiden Kinder heute im Erwachsenenalter sind wird er auch dazu gelernt haben, denn Erziehung ist nicht nur das, was unsere Eltern darunter verstanden haben und was wir daher gerne auch ablehnen..

Hätte mein damaliger Freund seine Kinder nur aufwachsen lassen, hätten er und seine Frau die Kinder wahrscheinlich öfter verarzten oder sogar ins Krankenhaus fahren müssen, als sie es ohnehin getan haben. Ich könnte mir jetzt anschaulich und genüßlich Szenen im Sandkasten, auf der Schaukel, im Kinderzimmer, in der Badewanne oder an sonstigen Kleinkinderorten ausmalen, die entstünden, wenn wir nicht regulativ eingreifen würden. “Kinder an die Macht” ist ziemlich, äh, idealistisch gesehen, aber nicht realistisch und möglicherweise zu sehr vom Bewertungsdenken bestimmt.                                                                      Daß wir in unserer großen Küche locker zwei alte schäbige, aber brauchbare Schaukeltiere aufstellen konnten erwies sich bei Besuch als gute Einrichtung, denn unser kleiner Sonnenschein wollte partout immer auf das Tier, das gerade vom anderen Kind beschaukelt wurde. War das Ding auch wochenlang keines Blickes gewürdigt worden, saß jemand anderer darauf stieg sein Interessantheitsgrad um mehrere Stufen. Das ist ja auch nicht weiter schlimm, Kinder sind halt noch mehr als Erwachsene vom Phänomen Futterneid bestimmt, weil sie noch im Stadium sind, sich die Welt anzueignen. (Wäre interessant, ob sich Kinder in Naturvölkern, wo morphologisch noch nicht so der materielle Besitz gepriesen wird anders verhalten oder ob dies einem allgemeinen Drang nach Sicherheit entspricht ).                                                                  Wir haben es nicht ausprobiert, wie sich Marion auf Dauer selbst durchgesetzt hätte, das hat natürlich Zeit und vieler guter Worte bedurft, denn einem kleinem Kind kann ich nicht zumuten, sich bereits in die Gefühls- und Bedürfniswelt eines andern hineinzuversetzen, es lernt ja gerade erst seine eigene kennen. Mit zunehmendem Alter war auch ihr klar, daß andere unpraktischerweise oft das gleiche haben oder spielen wollen und daß es im Leben auch manchmal einer geduldigen Ader bedarf, wenn ich mit jemandem spielen will. Diese Lernfaktoren möchte ich als Mutter begleiten, würde ich das nicht, käme ein streng hierarchisch denkender Mensch heraus, der, je nach Stufe in der Leiter die Autorität für sich gepachtet hat oder der vor Aggression platzt, wenn er gegen einen Stärkeren nicht an kann und sich entsprechend übel einem Schwächeren gegenüber benimmt. Ohne Regulativ behält der Stärkere die Oberhand und das ist in der Kinderwelt keine großmütige, nachsichtige Führungsperson, deshalb lernt ein Kind in einer solchen Umgebung nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, weil nur so ein Überleben funktioniert. Wird ein Kind in seiner geistigen und seelischen Entwicklung begleitet und geführt, so kann es sich zu einem einfühlsamen Menschen entwickeln, dem es nicht egal ist, wie sein Gegenüber empfindet. Natürlich bedeutet das keineswegs, daß sich Eltern immer gleich einmischen sollen, Kinder lernen ja durchaus auch ohne Eltern, aber ich würde es nicht dulden, daß mein Kind von einem anderen ernsthaft verletzt oder mein Kind richtig gewalttätig gegenüber anderen wird.

Was die Verfechter einer “Kinder sind die besseren Menschen” möglicherweise meinen ist, daß Kinder von Natur aus vertrauensvoll und daher so verletzlich sind und im frühen Alter auch noch unschuldig im Denken. Daß sie sich deshalb wie edle Ritter verhalten würden ist eine Illusion, ebenso wie der Ruf des edlen Ritters sicherlich besser ist als sein tatsächliches Wirken. Da Kinder noch wesentlich impulsiver sind fühlen sie sich viel schneller angegriffen oder interpretieren Aktionen gegen sich selbst, die es gar nicht sind und reagieren entsprechend. Da sie Frustrationstoleranz erst noch lernen müssen sind sie schneller mit einem Rempler oder einem Schlag zur Stelle als größere Kinder oder Erwachsene, die dies schon gelernt haben sollten. Bleibt dies in einem vertretbaren Rahmen sollte es wohl geduldet werden, da man von Kindern noch keine verbalen Wundertaten erwarten kann. Ich fürchte, daß Kinder, denen dosierte Aggression immer verwehrt wurde ihre diesbezüglichen Gefühle aufstauen oder in Aggression gegen sich selbst wandeln. Mit zunehmenden Alter sollte das Kind gelernt haben, mit ihm nicht angenehmen Situationen besser umzugehen. Eine Bekannte versuchte ihr Kind von Baby an immer abzulenken, wenn es zu quengeln anfing, weil es gerade etwas anderes wollte, als gerade möglich war. Damals, als ich noch kein Kind hatte fand ich dies sehr rührend, nun aber nicht mehr : Der mittlerweile Jugendliche hat eine absolut niedrige Frustrationstoleranz mit ständigen Kämpfen zwischen Mutter und Kind und Aktionen, die über das normale Maß in der Pubertät hinausgehen, die man auch als Schrei nach Grenzen und Autorität sehen kann.

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